„Jetzt tritt ihm in die Eier!“ oder wenn Ideen Kinder wären

Veröffentlicht am 23. Juli 2012 Unter Aktuelles 0 Kommentare

Ein Kommentar des Bremer Autors Sönke Busch anlässlich des Sommerfests des u-instituts für unternehmerisches Denken und Handeln am 22. Juni 2012. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrtes Institut,

vielen Dank für Ihr Angebot einer Beratung, welches Sie mir durch die Ihnen angediehene Förderung durch die Bundesrepublik Deutschland indirekt gestellt haben.

Nun ist das mit der Beratung so eine Sache, weil sich dann doch immer einige Fragen stellen, etwa was beraten werden soll, aber ja, noch wichtiger, wohin denn eigentlich beraten werden soll.

Nun geht es hier wohl darum, unternehmerischen Geist zu fördern, was auch nur bedeutet, zu fordern, dass irgendwer überhaupt mal irgendwas unternimmt. Was aber auch nicht viel anders ist als eine Mutter, die laut durch die Wohnung ruft, dass man doch bitte endlich seine Hausaufgaben machen solle, weil sonst ja nie etwas aus einem wird.

Schön bei der Beratung an sich ist ja überhaupt die Idee, eine Idee zu beratschlagen. Und noch viel schöner ja auch, dass eine Beratung in beide Richtungen funktioniert und viel öfter als eine direkte Hilfe eine Standortbestimmung ist – was man denn nun eigentlich vor hat und wo man genau steht. Da sitzt man seit Jahren einsam in seinem Kämmerlein, brütet und lernt, macht Fehler und Erfahrungen, fällt hin, steht auf, schmeißt alles hernieder, sammelt es wieder zusammen, fängt von vorne an und steht irgendwann vor einem Haufen von irgendwas, von dem nur man selber mit schöpferischer Unfehlbarkeit zu glauben meint, was es denn überhaupt sein soll.

Solange, bis man es jemanden erklären muss.

Was wohl so oft verwechselt wird, ist eine Beratung und eine Anstellung. Oft wird sich dem Berater sofort untergeordnet, und es wird verwechselt, dass eine Idee in einer Kreativberatung keine Bewerbungsmappe ist, sondern nur das, was es ist. Eine Ideengenerierung.

Und was ist das, eine Idee? Sie ist nichts; keinerlei Material, nur eine Theorie, eine Neuinterpretationen von Elementarteilchen, nur die Umschreibung, wie die neue Interpretation und Zusammenfügung von bestimmten bereits bestehenden Elementarteilchen aussehen könnte. Eine Idee ist erst dann etwas, wenn sie auch außerhalb des Erfinders funktioniert und für andere Menschen einen Mehrwert bildet. Tut sie das nicht, bleibt es beim alten Erfindertipp: Nimm etwas, dass es schon gibt, und bau WLAN ein.

Nun lebt eine Idee in ihrem Erfinder immer das Leben einer Prinzessin, die gehegt und gepflegt wird und nur darauf wartet, vom weisen Investor in glänzender Rüstung geehelicht zu werden. Und der Erfinder ist nur so lange traurig, bis die Mitgift stimmt.

Doch wenn da kein Investor ist, keiner kommt, sich vielleicht nicht einmal einer interessiert, dann heißt es, selber etwas zu unternehmen, denn jünger und schöner wird auch so eine Idee nicht. Also heißt es: Selber etwas unternehmen. Und das heißt: Unternehmer werden.

Wenn die ganze Welt heute von Ideen sagt, dass die Ideen ihre Babys wären, müsste sie wohl verglichen werden, die tatsächlichen Babys und die Ideen; allein schon deswegen, weil sie ähnlich viel Arbeit machen.

Nun ist es eine relativ schreckliche Vorstellung, dass Menschen sich alleine Kinder zeugen, allein schon, weil sie dann Klone wären. Und wie schrecklich langweilig wäre ein Klon. Da braucht es eine zweite DNA, um ein Kind überhaupt überraschend und spannend zu machen. Vielleicht ist auch dies eine Aufgabe von Beratung, einen äußeren Einfluss mit in die Schwangerschaft zu bringen. Später alleinerziehend zu sein, ist sowieso Zeitgeist.

Und wie bei Kindern gehen ja auch die Bürger der „kreativen Klasse“ auf unterschiedlichen Wegen in die Planung einer Idee: Diejenigen, die wie verrückt grübeln, nachdenken, sich verrückt machen, die Pros und Contras in vornherein abwiegeln und dann plötzlich zu alt sind, um überhaupt noch zeugungsfähig zu sein.

Und es gibt die, die nicht weiter als bis zum nächsten Kater denken, ausgehen, einen Drink haben, plötzlich schwanger sind und das zum Anlass nehmen, mit dem Trinken aufzuhören und sich um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist, und eines Tages, ohne dass sie etwas tun können, eine Idee in den Armen halten.

Vielleicht ist auch das eine Aufgabe einer Beratung wie der Ihren, den Mut zu haben, zu sagen, was vielleicht viele Freunde denken, aber sich sonst keiner traut zu sagen:

„Es tut uns leid, aber ihr Kind ist hässlich.“

Schön, wenn dies nicht notwendig ist.

Aber damit ist die Idee erst mal ein Baby und noch keine Altersvorsorge. Und welcher Elternteil hat nicht in einer heimlichen Stunde schon so über sein Kind im Hinblick auf die Rente nachgedacht – immerhin ist Kinderkriegen das Riestern der Evolution.

Nun gibt es Menschen, die schon Kinder haben. Und die wissen, wie „das“ geht. Menschen, die bereits Kinder mit einem Schulabschluss und vielleicht sogar einem gut bezahlten Beruf haben, auf die kann man hört; und oft hört man von Ihnen, dass sie streng waren. Da steht man nun, mit seiner kleinen, pummligen und gut riechenden Idee im Arm und denkt sich: „Um Himmels willen, das kann ich dem kleinen Wurm doch nicht antun! Freier Markt, das ist ja wie Große Pause auf der Rütlischule!“

Dann schicken sie Ihr Kind auf eine Waldorfschule. Was nicht heißt, dass eine Waldorfschule schlecht ist. Nur wenn Eltern da nicht ganz genau drauf gucken, wird es das Kind später einmal nicht ganz leicht haben.

Nun scheint es Ihr Institut zu geben, welches scheinbar kleinen Kindern auf dem Schulhof hilft. Das ist ehrenhaft.

Zwei große, gut aussehende Menschen im Hosenanzug, die nichts tun, außer der kleinen Idee im richtigen Moment ins Ohr zu flüstern:

„Jetzt tritt ihm in die Eier!“

So ist es wohl, wenn Kreativwirtschaft die freie Szene trifft.

So oder so: Auf ein Kind will geachtet sein, bis es seine ersten eigenen Schritte tut und Mama und Papa, bis auf eine Überweisung am Monatsende, nicht mehr braucht.

Doch das, was dem Kind vor dieser Eigenständigkeit geraten und gelehrt wurde, entscheidet wohl, wohin dieses Kind gehen wird: in eine strahlende Zukunft voll Nützlichkeit und Horizont, oder ob die Idee irgendwann in einem Billigflieger nach Mallorca sitzt, um sein letztes bisschen Würde im Reality-TV auszuhauchen.

Wahrscheinlich wird das dann kein Flugzeug der Kreativpiloten sein. Hoffentlich nicht. Das sind ja eher Flugzeuge erster Klasse mit Champagner und Liegesitzen, exzellenten Kontakten und bombastischen Aufstiegschancen. So erzählt sich zumindest die freie Szene – aber das erzählt sie immer, wenn einer auch nur Bundesre… sagt.

Ich hoffe eher auf ein seltsames Flugzeug, bei dem sich alle umschauen und sich wundern, dass das Ding überhaupt fliegen kann, dabei aber die Ästhetik des Absurden und abseitig Schönen versprüht, die Bar umsonst ist, und sich jeder seinen eigenen Cocktail mixt, denn merke: Alle machen betrunken, der Unterschied liegt nur im Kater.

Ohnehin ist das Wort Kreativpilot schwierig, da ja dem zufolge irgendwer das Kreativflugzeug sein müsste – was nicht schlimm ist. Flugzeuge sind etwas Tolles und können fliegen; und tatsächlich, und das ist es, was ich und wohl auch alle anderen vom Team – von Herrn Tomm, Herrn Bleks, Frau Hustedt, Herrn Söndermann, Herrn Strömer, und last but not least von Herrn Backes – erwarten:

Wenn wir schon Piloten sind, dann bitte

Business Class Lufthansa

mit einem Schuss Al-Kaida.

Danke sehr!