Photo by Jamie Hunt on Unsplash
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Das Bundesministerium des U-nfassbaren

Das Bundesministerium des U-nfassbaren

Systemirrelevant 

Ende Dezember 2021

Nach der Bundestagswahl sind die Verhandlungen relativ zügig verlaufen. Die Krise, die ihre Schatten immer noch wirft, hat die neue Regierung angetrieben auf Worte auch Taten folgen zu lassen. Jetzt ist auch die Verteilung der Ressorts abgeschlossen und in den Medien werden Ämter und Posten verkündet.

Einige warten vor allem gespannt auf die Entscheidung, die für die Kultursektoren getroffen wurde. Unter anderem, weil schon im Frühjahr die Debatten um ein „eigenes Ministerium für die Kultur“ lauter wurden. Einig sind sich dabei alle: die Kultur- und Kreativwirtschaft hat während der Pandemie eine besondere Rolle zur Bewältigung der Krise eingenommen. Erstmals rückten die besonderen Strukturen der viele Kleinstunternehmungen und Solo-Selbständigen mit ihren komplexen Wertschöpfungsstrukturen in den Fokus von Spitzenpolitiker*innen.

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Zwar waren unter den Akteur*innen auch viele Verlierer*innen, die von der Politik nicht richtig gesehen wurden – aber es gab auch einige Gewinner*innen. Was hätten wir in der Krise gemacht ohne digitale und analoge Kulturangebote, wie Spiele, Filme, Bücher, Musik und vieles mehr? Die Krise hat noch einmal das staatlich zu wenig verstandene Potenzial von Kultur- und Kreativwirtschaft und der Digitalisierung sichtbar gemacht. Jetzt hat jede*r verstanden und erlebt: Kreativität ist nicht nur das zentrale Wirtschaftsthema Nr. 1 für die resiliente Transformation der Gesellschaft. Kreativität ist als Querschnittsthema überall zentral, um positive Entwicklungen voranzubringen. Die Post-Corona- Gründer*innenwelle der Kreativen läuft wie eine natürliche Immunisierung, die sich nachhaltig und sinnstiftend wie von selbst ausbreitet.

Am Ende der Koalitionsverhandlungen steht nun also fest, es wird kein eigenes Haus für die Kultur geben, aber was die neue Regierung zu verkünden hat ist ein noch viel größerer Erfolg

Das zeigen auch die Steuergewinne der Kultur-und Kreativwirtschaft, die trotz Umsatzrückgängen von 30 Mrd Euro noch immer mit einem Gesamtumsatzvolumen von 174,1 Mrd. Euro positiv für die Gesamtgesellschaft wirken (Monitoring 2020). Dank der Kultur- und Kreativwirtschaft können wir nicht nur die öffentliche Kultur finanzieren, sondern auch Pflegekräfte, Schulen, Krankenhäuser und die Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur. Um dieser immensen gesellschaftlichen Bedeutung gerecht zu werden, wollten die Parteien wahlweise ein eigenes Kulturministerium, ein Kreativministerium oder Digitalisierungsministerium einrichten. Die Notwendigkeit wurde in all ihren Facetten zwischen Landes- und Bundesperspektiven diskutiert und Für und Wider ausführlich präsentiert. Aber ist das nicht altes Denken? Und wäre das eine kreative Lösung mit Wirkung? Welches Signal gibt man der nächsten Generation? Don‘t tell but show: Möglichkeiten schaffen, um Dinge zu bewegen und der neuen Generation Angebote machen schnell und agil teilzuhaben.

Am Ende der Koalitionsverhandlungen steht nun also fest, es wird kein eigenes Haus für die Kultur geben, aber was die neue Regierung zu verkünden hat ist ein noch viel größerer Erfolg: Jedes Ministerium soll eine eigene Kreativtransfer-Abteilung erhalten, deren Aufgabe es ist, in allen Häusern neue Impulse aus der Kultur- und Kreativsphäre und Digitalszene aufzugreifen. Besetzt werden diese Abteilungen mit neuen interdisziplinären Profilen und relevanten Budgets. In jedem Ministerium wird zukünftig mindestens ein 5-köpfiges Expert*innenteam der Kultur- und Kreativwirtschaft mitarbeiten, um mit ihren Methoden die Verwaltung zu bereichern und gleichzeitig den Um- und Ausbau neuer Projekte und Maßnahmen voranzubringen.

Damit folgt die neue Bundesregierung bereits in einer ihrer ersten Entscheidungen wichtigen Impulsen der im Sommer gegründeten Kreativ-Union. Eine Organisation, die weder Lobby noch Partei sein will, und die einen Überschuss an Empfehlungen für eine erfolgreiche Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft bietet und die mit den Akteur*innen der Transformation einen neuen Typus des Civil Servant schafft: Menschen, die verantwortlich in die Weiterentwicklung des Gemeinwohls eingreifen. So kommt die Illusion einer Kulturpolitik für alle doch noch zum Zug.

Irgendwann Anfang 2022

Neben der Erweiterung des Themenspektrums am Flughafen Tegel als neuer kreativer Start- und Landeplatz, werden gerade in jedem Bundesland und in vielen Bundes-Ressorts wichtige Modellvorhaben angeschoben: Z. B. wird in Hamburg auf einem ehemaligen Kreuzfahrtschiff das Kompetenzzentrum für klimaneutrale Logistikwirtschaft und Sprungkreativität gegründet. In Bremen wird das ehemalige Karstadtgebäude als Reallabor der Immobilienwirtschaft zum Kompetenzzentrum für neue Arbeit- und Schulmodelle ausgebaut. Obwohl es kein eigenes Ministerium ist bekommen die Mitarbeiter*innen, die meisten unter 30 Jahre alt und aus diversen Kollektiven und Szenen stammend,  schnell ein eigenes Label: Im Bundestag und in Debatten finden die Innovationen der neuen Kolleg*innen Einzug als Impulse des u-Ministeriums – dem Ministerium für das U-ndenkbare, U-nglaubliche und U-nvorhergesehne. Und das neue Querschnittsresort hat unter diesem Motto seine Arbeit erfolgreich aufgenommen. Die neue Regierung demonstriert damit, dass es kein weiter so wie bisher geben wird und bei der Transformation des Gemeinwesens endlich neue Wege gegangen werden.

Text: Christoph Backes, Katja Armbruckner

Fotos:
Jamie Hunt (Titel),  Claudio Schwarz | @purzlbaum, Tim-Hüfner, on Unsplash,
Jessica Dietz @u-institut,
William Veder